Die Hebamme

Geburtshilfe im Wandel der Zeit Teil 2

Auf die Geburtshilfe (und auch auf die Frauen) hatte diese Entwicklung im Laufe der folgenden Jahrhunderte schwerwiegende Auswirkungen. Zwar bezeichnet man auch den Lebensstil der Germanen als Patriarchat (was sich ja eigentlich nur auf die Erbfolge über den Mann bezieht), doch war ihr Lebensstil von Respekt gegenüber den Frauen geprägt, so dass zwar den Söhnen das Erbrecht zustand, die Frauen aber dennoch Verwalterinnen des Erbes sein konnten.

Nach christlichen Vorstellungen (die sich – man kann es sich heute kaum noch vorstellen – gerade erst durchzusetzen begannen) war die Frau mit der Schlechtigkeit eng verbunden. Die Wege, auf denen christliche „Gelehrte“ im Laufe der folgenden Jahrhunderte diese Theorie zu untermauern versuchten, waren so vielfältig wie absurd. So sagte man im Mittelalter, dass der weichere Körper einer Frau dazu führte, dass der Teufel leichter Einfluss auf sie nehmen kann, und dass sich das Böse in den langen Haaren verfange.

Zu diesem Zeitpunkt war es kaum zwei Jahrhunderte her, dass die Männer selbst noch lange Haare als Zeichen ihrer Freiheit getragen hatten. Später diskutierte man darüber, ob Frauen eine Seele haben oder ob man sie eher den Tieren zuzuordnen habe.
Die Auswahl der Beispiele mag polemisch klingen, da sicher nicht zu jeder Zeit alle Gelehrten derart absurde Standpunkte vertreten haben; dass innerhalb dieses frühen und späteren Christentums solche Thesen überhaupt möglich waren zeigt doch den entscheidenden Unterschied zwischen dem früheren Lebensstil der Germanen und dem christlichen Einfluss.


 



So ist es gar kein Wunder, dass die Geburt und die Schwangerschaft eine völlig veränderte Stellung im Weltbild der nun christianisierten Menschen einnahm.Zum Einen bedeutete eine Schwangerschaft für eine Frau nun oft einen gesellschaftlichen Abstieg, wenn sie nämlich nicht verheiratet war. Dies war gar nicht so selten, da es bei den Germanen Sitte war, auch vor der Ehe körperliche Liebe zu vollziehen. Dies diente dem einfachen Zweck, dass die jungen Menschen ausprobieren konnten, ob sie auch in dieser Hinsicht zueinander passten.

Diese Art der „kontrollierten Freizügigkeit“ wurde schnell vielen Frauen zum Verhängnis, wenn es zu einer Schwangerschaft kam.
Doch auch Schwangerschaft und Geburt selbst stellten nun eine größere Schwierigkeit dar, selbst wenn sie „rechtmäßig“ innerhalb einer Ehe auftragen. Das Misstrauen gegen die Hebammen wuchs; Priesterinnen der heidnischen Götter gab es praktisch nicht mehr, so dass die Frauen, die in den folgenden Jahrhunderten ein Kind bekamen, oft auch einfach nicht auf kompetente Hilfe hoffen konnten.Zwar sollte es noch einige Jahrhunderte dauern, bis es zur Hexenverfolgung kam, doch war das Christentum auch schon in der Anfangszeit von einer immensen (und in der Tat eigentlich unerklärbaren) Abneigung gegen die Weiblichkeit geprägt.

Diese Entwicklung setzte sich über die nächsten Jahrhunderte fort. Der christliche Einfluss auf die gesamte Kultur Europas wuchs mehr und mehr; die Normen und Werte der Kirche festigten sich und konnten schließlich die alten Werte beinahe vollständig ersetzen.Im Zuge der Radikalisierung des Christentums kam es auch zur Hexenverfolgung, die wohl den vorläufigen Höhepunkt der christlichen Frauenfeindlichkeit darstellt.


 



Eine gewaltige Furcht erfasste jedes Land, indem diese Entwicklung auf den Plan trat (meist vertreten von zuerst einigen wenigen hochstehenden Persönlichkeiten, die von der „Bedrohung“ durch die Hexen aus einem anderen Land erfahren hatten). Die Menschen wurden beinahe übereifrig, sich gegenseitig anzuzeigen, und auf dem Höhepunkt kam es zu Hysterien in ganzen Dörfern und Städten. Die Hexenverfolgung zog sich zwar durch ganz Deutschland, aber nicht überall in gleicher Intensität. Wahrscheinlich hing die Ausbreitung dieser Entwicklung schlicht und einfach von der Einstellung der Landes- und Kirchenoberhäupter ab, da nur sie die entsprechenden Gesetzte erlassen konnten, die die Verfolgung rechtskräftig machen.

Diesen furchtbaren Teil der Geschichte der Frau wollen wir nur am Rande anreißen; es bleibt zu bemerken, dass der gewaltsame Tod hier zum ersten Mal gezielt und in großem Maße den Frauen zugefügt wurde, ein Umstand, der eigentlich der christlichen Ideologie wie auch anderen Vorstellungen der Menschen völlig widersprach.

Dennoch hat die Hexenverfolgung für die Geburtshilfe vor allem eine Bedeutung: sie vernichtet beinahe die letzten Reste des Wissens, welches zu diesem Zeitpunkt über dieses Handwerk noch vorhanden ist. Übrig bleibt nur ein kläglicher Rest, der es kaum noch möglich macht, Hebammen als Geburtshelferinnen effektiv zu nutzen.


 



So wird der „modernen“ Medizin Tür und Tor für eine Reform der Geburtshilfe geöffnet. Die Ärzte, die mittlerweile – wir befinden uns im 16. und 17. Jahrhundert – ihr ehemals blutiges Handwerk nun gut verstehen und die einige erstaunliche Heilungserfolge vorweisen können beginnen Einfluss zu nehmen auf die Geburtshilfe. Es kommt zu einer Veränderung der Geburtsvorstellung, die eigentlich bis heute prägend für eine Kultur ist – da die Medizin zu diesem Zeitpunkt nur Männern vorbehalten ist, schwindet dementsprechend auch der weibliche Einfluss auf die Geburt.

Das christliche Dogma verhindert, dass es unter Frauen einen freien Erfahrungsaustausch über die Geburt gibt (oder schränkt diesen zumindest ein), so dass die jungen Schwangeren immer schlechter vorbereitet in die Geburt gehen. Die Ärzte wiederum können so wie die Hebammen früher auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, der es ganz natürlich erscheinen lässt, dass sie Ratschläge und Anweisungen während der Geburt geben, wenn die Frau nicht weiter weiß.

Der ärztliche Eintritt in das Fachgebiet der Geburtshilfe ist sicher keine Ruhmestat. Die Sterblichkeit bei den Frauen erreicht einen vorläufigen Höhepunkt und wird nur noch durch die ersten Krankenhausgeburten gesteigert; auch die Kindersterblichkeit nimmt vorerst zu. Eine Schwangerschaft wird zu einer Gratwanderung zwischen Leben und Tod (was sie vor einigen Jahrhunderten nicht unbedingt war). Es entstand ein Streit zwischen Hebammen und Ärzten, der sich bis heute nicht ganz gelegt hat, den aber vorerst eindeutig die Ärzte für sich entscheiden konnten.


 



Dabei wurde die Entwicklung der medizinischen Geburtshilfe natürlich durch die Weiterentwicklung der Medizin zunehmend begünstigt. Es gab Geburtshilfe durch Hebammen eigentlich in allen Jahrhunderten, doch besonders das 18. Jahrhundert ist geprägt durch eine immensen Rückgang des weiblichen Einflusses auf die Geburt. Die Erfindung der Geburtszange 1723 begünstigte den Vorstoß der Ärzte in die Geburtshilfe. Diese Zange galt als chirurgisches Instrument und durfte daher von Frauen nicht eingesetzt werden; daher warfen die Ärzte den Hebammen vor, rückständig zu sein und mit der modernen Geburtshilfe nicht mehr mithalten zu können. Die Verabreichung von Arzneien war Hebammen einige Jahrzehnte früher verboten worden, so dass sie jetzt in schweren Fällen ohne einen Arzt gar nicht mehr auskommen konnten.

Und auch der Kaiserschnitt, den vor einigen Jahrhunderten Hebammen noch durchführen konnten, war nun den Ärzten vorbehalten. Allerdings ist unter einem Kaiserschnitt zu dieser Zeit immer ein Kaiserschnitt an der toten Mutter zu verstehen – eine Überlebenschance gab es noch nicht. Auch die viel gelobte Geburtszange stellte vorerst nicht das Wundermittel dar, als das Ärzte sie anpriesen. Die Modewelle, die zu einer Vielzahl von Zangengeburten führte, war nicht nur medizinisch unangemessen, sondern schlichtweg gefährlich. Kinder und Frauen wurden von den Zangen schwer oder gar tödlich verletzt, und oft gipfelte der Irrsinn im Tod durch den Kaiserschnitt.

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