Geburtshilfe
14. August, 2007 von Moderator
Geburtshilfe im Wandel der Zeit Teil 1
Es gibt wohl wenige Berufe, die im Laufe der Menschheitsgeschichte so allgegenwärtig waren wie der der Hebamme. Sicher, nicht alle Völker kannten den Beruf zu jeder Zeit, doch ist er beinahe überall zu finden, da er auf die simple Erfahrung zurückgeht, dass Geburten oft anstrengend und gefährlich sind und dass eine Frau in ihre erste Geburt niemals mit der Erfahrung einer langjährigen Spezialistin hereingehen kann.
Wie diese Geburtshilfe zu primitiven Zeiten vonstatten ging, bleibt nur zu vermuten. Man weiß, dass Naturvölker teilweise sehr unterschiedliche Auffassung von guter Hilfe bei der Geburt haben und kann diese Einstellung heute teilweise noch aus erster Hand erfahren.Manche Völker sehen eine Hebamme dann als erfolgreich an, wenn sie nichts zu tun hat – wenn ihre bloße Präsenz der Mutter genug Sicherheit gibt, damit sie ihr Kind alleine gebären kann. Andere erwarten eher schamanische Leistungen von ihnen, indem sie dafür sorgen, dass das Kind frei vom Einfluss böser Geister und ähnlicher unliebsamer Gäste bleibt.
Andere sind der Überzeugung, dass es sich um einen mehr oder wenige handwerklichen Beruf handelt, der viel mit Geschick, Kraft
und Erfahrung zu tun hat und dem der spirituelle Teil beinahe vollständig abgeht.Für Menschen in der heutigen westlichen Zivilisation ist es sicherlich interessant, die Geburtshilfe der Vergangenheit in den Ländern zu betrachten, in denen sie heute leben.
Die Geschichte der Geburtshilfe ist auch immer ein wenig die Geschichte der Frau, weshalb einige Ausführungen manchmal nicht zu vermeiden sind, auch wenn sie dem Thema nur am Rande zugehören.
In unseren Breitengraden gibt es eine recht lange, aber schlecht überlieferte Tradition der Geburtshilfe schon vor den ersten Aufzeichnungen der Gelehrten. Funde und wenige Zeichnungen deuten darauf hin, dass die alten Germanen die Geburtshilfe durchaus kannten und dass auch sie Spezialisten hatten, die für diese Tätigkeit vorgesehen waren. Natürlich handelte es sich bei diesen Helfern durchweg um Frauen – es wäre für unsere Vorfahren sicherlich ein absurder Gedanke gewesen, dass ein Mann irgendeinen Beitrag abgesehen von seiner Präsenz bei der Geburt zu leisten hätte.
Einerseits kannte man Frauen, die neben einer Tätigkeit als Heilerin der Geburtshilfe nachgingen und die auch in anderen frauenspezifischen Dingen zu Rate gezogen wurden (man kann sie als eine frühe Mischung von Frauenärztin und Hebamme betrachten); andererseits gab es Priesterinnen („Godinnen“) bestimmter Göttinnen, denen ebenfalls solche Tätigkeiten zukamen. Die Quellen sind in dieser Beziehung mehr als rar gesät; man kann allerdings sagen, dass die eingeweihten Frauen bestimmter Göttinnen nicht nur eine Auswahl von Geheimwissen über die Belange von Frauen hatten, sondern dass sie mit diesem Wissen auch praktisch zur Seite standen. Diesen Frauen kam neben den Tätigkeiten einer Heilerin und Hebamme auch noch die einer Seelsorgerin und eventuell Eheberaterin zu.
Erstaunlicherweise weiß man nämlich, dass Germanen in bestimmten Beziehung schon vor 2.000 Jahren strenge Aufgabenteilungen hatte, wie sie uns noch heute einigermaßen bekannt vorkommt.
Den Frauen waren die (mittlerweile beinahe verpönten) Arbeitsbereiche Heim und Herd zugeordnet, während die Männer die Belange der Außenwelt regelten und die Familie nach außen vertraten. Somit ist es kein Wunder, dass man es als Aufgabe der Frau betrachtete, den Zusammenhalt der Familie und der Ehe zu gewährleisten, weshalb der Rat dieser Frauen sicher oft von großem Wert war.
Wenn man sich Gedanken über die „alten Germanen“ macht, so sollte man niemals vergessen, dass diese ihrer Lebensweise schon lange vor dem Einfluss des Christentums nachgingen. Die christliche Zuschreibung der Schlechtigkeit, die die weibliche Geschichte ungefähr seit dem 9. Jahrhundert nach Christus in Deutschland begleitet, bestand für sie noch nicht. Vielmehr betrachteten sie die traditionell gefestigte Arbeitsteilung als sinnvoll. Dies soll nicht heißen, dass eine traditionalistische Kultur wie die frühgermanische nicht repressiv gegen Einzelne vorgegangen wäre, die sich der Kultur widersetzten – es bestand aber kein Ansehensgefälle zwischen Mann und Frau.
Der Wert der Familie, der in Deutschland seit der Zeit der Romantik wieder in großem Maße besteht, wurde innerhalb der germanischen Sippen ebenfalls großgeschrieben. Und für die Familie war die Tätigkeit der Frau sicher nicht weniger wichtig als die des Mannes – erfahrungsgemäß kann man aus der modernen Perspektive sogar sagen, dass es die Unfähigkeit vieler Männer war und ist, die dem Konzept der Familie heute das Genick zu brechen droht.
Man kennt allerdings Geschichten von Frauen, die sich auch jenseits der ihnen üblicherweise zugeordneten Bereiche eingemischt haben, und diese Frauen wurden sogar als mutige und aufrechte Menschen akzeptiert.
So berichtet man von einigen Germanenvölkern, dass ihre Frauen sie in schweren Zeiten mit in die Schlacht begleitet haben, um sie während das Kampfes mit dem Entblößen ihrer Brüste anzufeuern.
Bei den Langobarden sollen die Frauen sogar noch weiter gegangen sein – sie haben den Legenden nach selbst in die Schlacht eingegriffen. Eine Prophezeiung besagte, dass die Partei die Schlacht gewinnen würde, die zuerst das Schlachtfeld betrat. Die Frauen der Langobarden gingen kein Risiko an, banden sich ihre Haare vor dem Gesicht zusammen (damit man sie von weitem für Bärte halten würde) und machten sich noch vor Sonnenaufgang auf den Weg. Zwar griffen sie später in den Kampf nicht ein, doch sagt man, dass die Langobarden in der Tat die Sieger dieser Auseinandersetzung waren.
Mit dem Aufkommen des Christentums änderte sich die Lebensweise der Germanen gleich in mehreren Beziehungen. Der Kontakt zu den Römern, der durch Tacitus in einigen Schriften belegt ist, hatte schon zuvor die übliche germanische Verschlossenheit ein wenig aufgelockert und den Völkern die Möglichkeit klar gemacht, dass sie sich auch anders verhalten konnten als ihre Vorfahren; die Völkerwanderung schließlich brachte ganz Europa in derart helle Aufruhr, dass ein Wandel in vielen Teilen der Lebensweise überhaupt nicht zu vermeiden war.
Auf die Geburtshilfe in unseren Breitengraden nahmen zwar die Römer keinen Einfluss, die Völkerwanderung vom 5. bis zum 6. Jahrhundert nach Christus allerdings führte dazu, dass viele Arten von Wissen und Überlieferungen verloren gingen – so auch einige Erfahrungen der Geburtshelferinnen bei den verschiedenen Germanenstämmen. Man weiß, dass zum Beispiel die Sachsen von dieser Entwicklung relativ unberührt blieben und dass sie ihre angestammte Lebensweise noch bis ins 8. Jahrhundert hin fortsetzten, ehe es zu den Sachsenkriegen mit Karl dem Großen kam. Andere Völker verloren auf den Wegen der Wanderung ihr Geheimwissen oder wenigstens Teile davon, da die Wanderung gerade für die Frauen besonders anstrengend war und der Tod einen ständigen Gast darstellte.
Schließlich kam es zur Christianisierung des größten Teils der germanischen Völker im 8. Jahrhundert. Man muss bedenken, dass zu diesem Zeitpunkt von den ehemals unzähligen Stämmen nur noch ein halbes Dutzend übrig war, da Verbindungen und Kriege dazu geführt hatten, dass sich in der Struktur der Völker einiges änderte.Das bekannteste der noch existierenden Völker sind sicherlich die Franken, die unter ihrem Herrscher Karl dem Großen Europa zweifelsohne ihren Stempel aufgedruckt haben. Sie waren es auch, die die Christianisierung der übrigen Völker – allen voran der Sachen – nach und nach vorantrieben, bis sich das Christentum schließlich als die übliche Religion in unseren Breitengraden etablierte.
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