Kinder Erziehung

Ich erziehe mein Kind selbst!?

Was ist die größte Veränderung, die es mit sich bringt, plötzlich Vater oder Mutter eines Kindes zu sein?
Sicher, diese Frage werden viele Menschen anders beantworten; es mag die Umstellung des eigenen Lebens sein, die Konfrontation mit dem biologischen Kreislauf, die Verantwortung. All das sind sicherlich schwerwiegende Veränderungen, zu denen wir hier auch noch einige Worte verlieren werden.

Eine der interessantesten und gleichzeitig wahrscheinlich unerwartetsten ist allerdings eine Andere: nämlich das Phänomen des „Miterziehens“.Damit ist überhaupt nicht gemeint, dass sich irgend jemand berufen fühlt, auf offener Straße zu erzieherischen Maßnahmen gegen ein Kind zu greifen – dies ist heutzutage ein zu recht unerwünschtes Verhalten. Nein, Miterziehung richtet sich immer gegen die Eltern. Die sind es nämlich, die Opfer der Meinungen, Ansprüche und Vorstellungen ihrer Mitmenschen werden.

Besonders Frauen haben es natürlich immer schwer. Die weibliche Generation, die den heute 20-30-Jährigen vorangeht war zu großen Teilen noch beinahe ihr ganzes Leben lang Hausfrau und Mutter, so dass es eine immense Zahl von „Müttern in Ruhestand“ gibt, denen man einfach so begegnen kann. Dabei soll der Begriff „Ruhestand“ so zu verstehen sein wie in der Berufswelt - auch wenn sie natürlich noch immer Mütter ihrer heute erwachsenen Kinder sind, üben sie diese „Tätigkeit“ nicht regelmäßig aktiv aus.
Jedenfalls wäre die reine Begegnung noch nicht so unangenehm.


 



Es scheint diesen Ruheständlerinnen allerdings oft nicht unangemessen, sich in die eine oder andere Frage einzumischen und bisweilen auch dann eine Kontroverse aufkommen zu lassen, wenn eigentlich keine vorhanden ist.

  • Großmutter: „Ist der Kleinen nicht kalt?“
  • Mutter: Nein, der Kleinen ist wahrscheinlich nicht kalt. Und wenn der Kleinen kalt ist, dann sicherlich nicht kälter, als es den Kindern früher auch irgendwann einmal kalt war.
  • Großmutter:„Die muss doch Handschühchen anziehen.“

Warum glaubt man, dass gerade der Beruf der Mutter (oder auch der des Vaters, auch wenn man respektvoll sagen muss, dass diese Tätigkeit auch heute noch zumeist von den Frauen der Familie ausgeübt wird) sozusagen ein Allgemeingut ist, zu welchem jeder seine Kommentare nach belieben abgeben darf? Wahrscheinlich weil jeder von uns eine Mutter und einen Vater hat.
Manch einer kennt einen Klempner, ein anderer einen Anwalt, vielleicht auch noch eine Bäckerin – eine Mutter aber kennt jeder, in der Tat gleich mehrere von dieser Gattung.

Und weil jeder eine kennt – genau kennt sogar, ihr Handwerk quasi von der Windel auf am eigenen Leib erfahren hat – hat auch jeder eine Vorstellung von ihr. Dies ist wohl die Art und Weise, wie die Kommentierfreudigkeit vieler Mitmenschen zu erklären ist, denen man so auf der Straße begegnet, wenn man einen menschlichen Begleiter dabei hat, der noch keine 100 Zentimeter misst.

Ein anderer – aber nicht weniger wichtiger – Grund ist die Tatsache, dass der Beruf der Mutter wohl der Beruf auf der Welt ist, der am engsten mit moralischen Vorstellungen verknüpft ist. Da ist zum Einen schon die Frage, ob man „Mutter“ überhaupt als einen Beruf bezeichnen darf – sicher, Arbeit macht diese Tätigkeit mehr als genug, aber ist dennoch „Beruf“ die richtige Bezeichnung dafür?Ein Beruf impliziert eine unpersönliche und professionelle Vorgehensweise, ein Verhalten, welches für eine Mutter als völlig deplatziert betrachtet wird. Schließlich arbeitet sie nicht mit Holzbalken, sondern mit Kindern!
Natürlich darf man ein Kind wirklich nicht mit anderem „Arbeitsgerät“ vergleichen, doch ist der Mangel an Professionalität beim Beruf der Mutter sicherlich nicht unbedingt als positiv zu bewerten.


 



Manche Mütter, die eigentlich erfahren im Umgang mit Kindern sind und die sich mit Erziehung gut auskennen, stoßen im Zuge der Entwicklung ihrer eigenen Kinder auf eine unsichtbare Grenze, die ihnen verbietet, ihre Erfahrung auf ihr eigenes Kind anzuwenden. Aus dem einfachen Grund, weil man halt „weiß“, dass eine Mutter immer ihren Gefühlen nachgibt und nicht mit professionellen Vorstellungen an ihr Kind herangeht.

Wer selbst Kinder hat, wird sicherlich der Beobachtung beipflichten, dass die Tränen des eigenen Kindes wirklich dazu angetan sind, jede Erziehungsgrundlage noch einmal zu überdenken. Doch ob dieses „Überdenken“ (das man weniger gutmütig auch als „nachgeben“ bezeichnen könnte) denn immer die richtige Wahl ist, bleibt fraglich.

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2 Kommentare zu “Kinder Erziehung”

  1. am 20. Sep 2007 um 10:54Klaus

    Hat sich nicht jeder schon mal sagen hören: ” Wenn ich Kinder habe mache ich alles anders als meine Eltern!” Vielleicht liegt es daran, dass viele Menschen nicht erkennen wollen, dass die Erziehung, die man selbst erfahren hat, die Grundlage für das eigene Erziehungsverhalten ist.
    Viele Leute wachen eines morgens auf, sehen in den Spiegel und erschrecken weil sich nicht selbst sondern das Spiegelbild ihrer Eltern vor sich sehen. An gewissen Dingen wie man seine Kinder erzieht, erkennt man plötzlich, dass man genauso handelt wie seine Eltern das früher auch gemacht hätten. So gesehen kann die Erziehung in den eigenen Augen gar nicht so schlecht gewesen sein, auch wenn man das vielleicht so nicht sehen will.
    Aber schließlich ist aus einem selbst ja auch was geworden oder!!

  2. am 14. Jan 2008 um 13:07Martina

    Ich glaube das kennt jede Frau, dass die eigene Mutter es immer besser weiss. Aber schlimmsten ist es, wenn es ums Kochen oder eben um die Kindererziehung geht. Allerdings ist es auch verständlich, da man als Grosmutter eben alles schon durch gemacht hat, was man als Mutter erst noch vor sich hat. Außrdem ist man spätestens dann froh über die einmischung der Großmutter wenn man mal einen billigen Babysitter braucht ;-)

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