Der Schnuller
Eltern, die sich für eine natürliche Geburt entscheiden und die dabei eventuell sogar nach ein Geburtshaus oder gar das eigene Haus als Ort dafür auswählen, werden eventuell auf eine sonderbare Begebenheit stoßen.So war es zum Beispiel bei einem Paar junger Eltern, deren Kind in einem Geburtshaus geboren wurde. Es war – als besondere Seltenheit – die erste Geburt der jungen Frau. Viele Frauen, die im Geburtshaus gebären, gehen erst beim zweiten oder dritten Kind dorthin, da sie sich vorher im Krankenhaus sicherer finden. Es ist für das spätere Verständnis allerdings wichtig zu wissen, dass diese Frau eine Erstgebärende war.
Kurz nach der Geburt nämlich, als das Kind versorgt war und alles weitgehend in bester Ordnung schien, beugte sich eine der Hebammen zu der jungen Mutter hinunter und sagte in verschwörerischem Tonfall: „Einen Schnuller gebt ihr ihr aber nicht, oder?“
Einen Schnuller? Natürlich keinen Schnuller, dachten sich die Eltern, da der Tonfall der Hebamme genausogut bei einem anderen Satz hätte verwendet werden können: „Schlagen tut ihr sie aber nicht, oder?“Nur zwei Tage später, als das Kind sich kaum beruhigen ließ und auch nur schlecht schlief riet eine andere Hebamme, sehr wohl auf den Schnuller zurück zu greifen – schließlich habe das Kind auch nichts von völlig entnervten Eltern, und es ginge ihm ja schließlich selbst nicht gut, wenn es keine Ruhe findet.
Die meisten jungen Eltern werden auf die Problematik wahrscheinlich nie stoßen, da man im Krankenhaus sicher nicht zum Verzicht auf den Schnuller raten wird. Dennoch ist es vielleicht wichtig, einiges über dieses Instrument der Beruhigung zu wissen, wenn man ihn einzusetzen gedenk.Eigentlich sind Schnuller ziemlich unbedenkliche kleine Helfer, deren einzige Problematik darin liegt, dass man sie eventuell nicht wieder loswird.
Medizinisch gesehen können diese Beruhigungssauger zu leichten Schwierigkeiten beim Zahnstand führen, wenn sie zu lange benutzt werden, allerdings hat sich gezeigt, dass Kinder an dem ein oder anderen Instrument eigentlich immer lutschen – und daher auch keine perfekt geraden Zähne haben. Wenn man die Beruhigung seiner Kinder nicht ideologisch untermauern will (was die Hebamme aus dem obigen Beispiel offensichtlich wollte), so gibt es eigentlich nicht viele Gründe, auf den Schnuller zu verzichten.
Er bringt jedoch einige Besonderheiten mit sich. So lernt ein Kind, welches den Sauger als seine Hauptberuhigungsquelle kennt eventuell schlechter, wie es sich selbst behelfen kann, und wacht weinend in der Nacht auf, weil der Schnuller fehlt. Sind die Eltern nun immer schnell bei der Hand, so kann dies dazu führen, dass eine Art Gewöhnung eintritt – das Kind lernt, dass es Probleme „gelöst bekommt“.
Positiver ist am schnullerfreien Aufwachsen zu bewerten, dass die emotionale Selbstständigkeit durch diese Entscheidung wahrscheinlich gestärkt wird, weil das Kind ohne Schnuller nach anderen Hilfsmitteln suchen wird und dabei in seinem Aktionsbereich zu suchen beginnt – was üblicherweise zu dem Ergebnis führt, dass es seine Finger als Beruhigungssauger verwendet. Wichtig ist dies vor allem deshalb, weil durch diese Entwicklung der erste Schritt in die Autonomie getan ist. Das Kind ist nicht mehr völlig abhängig von der Hilfe der Eltern, sondern kann sich im Zweifelsfall selbst behelfen.
Allerdings lässt sich so eine Art „Hilfe zur Selbsthilfe“ auch dadurch herbeiführen, dass die Eltern nicht immer sofort zur Stelle sind, wenn das Kind scheinbar seinen Schnuller verloren hat. Eltern entwickeln bald die Fähigkeit, verschiedene Arten von Weinen zu unterscheiden und können so mehr oder weniger schnell zur Stelle sein.
Übrigens kann man wohl nicht vermeiden zu erwähnen, dass jede Art von kontrolliertem Alleinlassen eines Kindes keine Entschuldigung für eine Vernachlässigung ist! Genauso wie die umstrittene Ferber-Methode dürfen Eltern auch die Selbstständigkeit ihres Kindes nicht durch eigene Bequemlichkeit, sondern nur durch kontrollierten Einsatz fördern.Eventuell führt auch dies dazu, dass das Kind über kurz oder lang lernt, dass es mit einer anderen Hilfe als dem Schnuller besser bedient ist.
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