Schreibaby

Wenn nichts mehr hilft

Es gibt Phasen während der Babyzeit, in denen man sich als Eltern kaum noch zu helfen weiß. Ganz gleich, was man auch tut – das Baby scheint nicht zu beruhigen zu sein, und auch wenn es vielleicht nicht durchgängig schreit (so dass man es als „Schreibaby“ einstufen könnte), so kann es doch vielleicht nicht allein sein oder reagiert auf eine sonstige Notwendigkeit mit Beschwerden.
Versucht man in einigen üblichen Quellen Rat zu finden, wird man auf kaum etwas anderes stoßen als den Rat, das Kind niemals nicht aufzunehmen, wenn es diesen Wunsch verspürt. Das Hochnehmen des Kindes sei nicht nur ein Instinkt der Mutter, es ist auch noch eine Notwendigkeit für das Kind, da es die Zusammenhänge zwischen den Handlungen nicht verstehen könne.

Im Grunde genommen ist dieser Ratschlag natürlich wahr – praktikabel ist er jedoch nur unter Umständen. Viele Eltern haben – selbst wenn nur ein Elternteil berufstätig ist – nicht den ganzen Tag ausschließlich Zeit für das Baby; wenn das Kind aber auch noch selten schläft und in der Wachphase nicht allein sein will, so steht die Mutter vor einem echten Problem.
Darf sie eventuell nicht auf das Weinen des Kindes reagieren? Ihre Gefühle raten ihr auf jeden Fall davon ab, und auch in Ratgebern findet man nichts anderes als „Geduld haben und beharrlich sein“.

Dies ist sicher ein angemessener Rat, wenn man damit Erfolg erzielen kann – man kann jedoch durchaus auf das Problem stoßen, dass bei aller Beruhigungskunst das Kind nicht zur Ruhe zu bewegen ist.In dem Fall – wenn die anderen Mittel versagt haben – kann
es sich als praktikabel erweisen, die Wünsche des Kindes in einem angemessenen Rahmen zu übergehen, wenn eine Notwendigkeit dazu besteht. Ein Säugling fühlt sich wohl in Gegenwart der Mutter, aber er kann sich in unserer Kultur nicht darauf verlassen, dass er rund um die Uhr über seine Mutter verfügen kann. Dies mag ihm unangenehm erscheinen, doch ist es andererseits eine Notwendigkeit, um die man nicht umhin kann.


 



Es hat sich gezeigt, dass sehr anhängliche Babys, die eigentlich mit kaum einer Art von Zuwendung zufrieden zu stellen waren, gut darauf reagieren, wenn man ihnen als Eltern zwar zeigt, dass man da ist, dabei aber trotzdem am grundsätzlichen Verhalten nichts ändert (also das Kind zum Beispiel abends nicht aus dem Bett nimmt oder nach kurzer Zeit wieder geht, wenn es die Gegenwart der Eltern wünscht). Diese positive Reaktion lässt sich neurologisch begründen.

In der ersten Lebensphase werden innerhalb des menschlichen Hirns mehr Synapsen geschlossen als zu jeder anderen Zeit. Hier wird jede Art von grundsätzlicher Verknüpfung „aufgezeichnet“, auch die Verbindungen zwischen Handlung und Reaktion, die ein Baby zu erfahren beginnt. Wenn das Kind nun auf ein Problem stößt (also zum Beispiel ein unbehagliches Gefühl, welches es vermeiden möchte), so wird es einen Weg suchen, dieses Problem zu lösen. Da die Möglichkeiten eines Kindes sehr begrenzt sind ist die erste Lösung für jedes Problem: die Eltern rufen.

Bei vielen Problemen ist es natürlich die Pflicht der Eltern, dem Kind Abhilfe zu schaffen; manche Probleme bestehen aber eigentlich hauptsächlich aus dem Unwillen des Kindes einem bestimmten Zustand gegenüber. Hier können die Eltern – vorausgesetzt, der Zustand ist unvermeidlich – keine Abhilfe schaffen, und es tut dem Kind auf lange Sicht gut, ihm das auch zu zeigen. Babys sind auf eine bestimmte Art stabiler, als man denkt – auch sie kennen bereits einen Unterschied zwischen Unbill und Verzweiflung und nehmen ihn wahr.


 



Gehen wir zurück ins neurologische Bild. Das Kind bemerkt bald, dass das Rufen nach den Eltern die Lösung für viele Probleme ist, und es entsteht eine Synapse, die das Auftreten eines Problems mit dem Rufen nach den Eltern „verbindet“, um es banal auszudrücken.Wenn das Kind nun niemals auf ein Problem stößt, welches auf diese Art nicht lösbar ist, braucht es auch keine weiteren Synapsen – die Problemlösung ist nicht seine eigene Sache, sondern die der Eltern. Da das Kind natürlich in diesem Alter genug lernt, ist dieser Zustand wünschenswert, aber nicht immer unbedingt zu ermöglichen.

Kommt es zu dem Fall, dass die Eltern bei einem leichteren Problem nicht die Lösung schaffen, kann das Kind durchaus selbst einen Weg finden – das klassische Beispiel ist das Ersetzen des Schnullers durch die eigenen Finger, ein Schritt, der große Autonomie für den kleinen Menschen bedeutet. In diesem Fall wird zum Beispiel bei der Lösung des Problems eine Reihe von Synapsen gebildet, die dem Kind nicht nur das Gefühl vermitteln, dass es sich auch selbst helfen kann, sondern die auch noch zu einer erweiterten Lösungsfähigkeit führen – ein durchaus erstrebenswerter Zustand.
Es bleibt allerdings nicht aus auch hier zu erwähnen, dass man das Kind nicht weinen lassen darf „damit es selbst klarkommt“ – auch hier muss die Autonomie vorsichtig und in geeigneten Schritten vermittelt werden.

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