Die ” Tragefrage ” Teil 2
Was aber ist die richtige Verhaltensweise?Um überhaupt eine Antwort auf solch eine Frage geben zu können, sollte man als Erstes einmal die wissenschaftlichen Grundlagen zum Thema „Tragen“ klären.Experten sind der Meinung, dass die Argumente beider Seiten (nämlich der überzeugte Träger einerseits und der Nichtträger andererseits) eigentlich keine Gültigkeit haben.
Es ist nicht wahr, dass Tragen schlecht für die Haltung von Mutter oder Kind ist oder Rückenschäden beim Kind hervorruft.
Genausowenig ist es wahr, dass Tragen die einzige Möglichkeit ist, einem Kind eine glückliche Zeit als Neugeborenes zu bescheren.
Es ist auch nicht wahr, dass Kinder in einem geeigneten Tragegerät (sei es Tuch oder Tragebeutel) zu wenig Luft bekommen. Auch ist es nicht wahr, dass es eine kaum zu verarbeitende Seelenqual ist, dass Kind nicht zu tragen.Man könnte die Liste noch lange fortsetzen und würde zu einer Reihe von Argumenten kommen, die sich vor allem durch eines auszeichnen: sie dienen nichts anderem als die Gegenseite zu überzeugen und sich selbst möglichst moralisch darzustellen.
Damit ist nicht gemeint, dass die Eltern, die diese Positionen vertreten, sich solche Argumente selbst ausdenken würden – sie kursieren einfach alle scheinbar von selbst und bilden eine Sammlung von „Urban Legends“ zum Thema Tragen.Wahrscheinlich ist es am objektivsten, wenn man das Tragen als das betrachtet, was es ist: eine Ansichtssache.
Sicherlich, Kinder in Ländern, in denen große Teile der Bevölkerung noch ein Leben haben, wie es ihre Vorfahren vor dreihundert Jahren ebenfalls hatten, werden kaum an die Notwendigkeiten westlicher Zivilisation zu gewöhnen sein.
Genauso wenig, wie diese Kinder an den Schlaf allein in ihrem Zimmer zu gewöhnen sind, sind sie daran zu gewöhnen, eben nicht immer von ihrer Mutter getragen zu werden. Warum auch? Immerhin ist es Teil ihrer Kultur, und diese Kultur wird Mittel und Wege kennen, die kleinen Menschen an das heranzuführen, was sie für ihre Einbürgerung in die Kultur benötigen.
In unserer westlichen Welt sieht dies – so unangenehm man das finden mag – allerdings anders aus. Nicht nur, dass die meisten Kinder eben nicht rund um die Uhr getragen werden; man kennt sogar eine Reihe von Kindern, für die schlicht und einfach nicht genügend Zeit ist.
Diese Zeit fehlt aber nicht nur dann, wenn beide Elternteile früh wieder berufstätig sind – sie fehlt irgendwie sowieso. Das ist eine Erfahrung, die auch jede Mutter mit nur einem Kind bestätigen wird. Schließlich gibt es immer etwas zu tun, und die Zeit, die eine berufstätige Frau für ihren Job verwendet, wird auch eine Vollzeit-Mutter nicht für ihre Freizeit verwenden, sondern eben für ihr Kind oder für ihren Haushalt. Am Ende steht man trotzdem vor der Rechnung, dass die meisten Menschen hier gestresst sind und lieber mehr Zeit hätten, ein Umstand, der sich sicherlich auch auf die Erziehung auswirkt.
Wir leben hier stärker getrennt auch von unseren nächsten Verwandten als dies in einer Sippe der Fall ist. Ist es nicht eventuell eine angemessene Vorbereitung des Neugeborenen, wenn es nicht während der gesamten Zeit als Säugling getragen zu werden?
Nun kann man argumentieren, dass man die Kinder doch vor der unangenehmen Erfahrung des „Getrennt-seins“ wenigstens für einige wenige Monate beschützen sollte. Dies ist auch sicher lobenswert, und hier soll niemandem abgeraten werden, sein Kind die Erfahrung machen zu lassen, die er selbst für richtig hält.
Doch kann es nicht sein, dass eine Eigenart, die in unserer Kultur überhaupt nicht verbreitet ist, zum allein selig machenden Dogma erklärt wird. Viele Mütter, die ihre Kinder nicht tragen (oder dies nur selten tun) haben niemals festgestellt, dass die Qual der Trennung ihre Kinder ernsthaft beeinträchtigt hat. Vielleicht könnte man immer etwas besser machen – vielleicht kann man aber auch einfach nicht wissen, was dies alles wäre. Weder die eine noch die andere extreme Partei sollte sich in dieser Frage darauf berufen, die Wahrheit zu kennen; man kann nur die für sich richtige Entscheidung treffen und dies wohl überlegt tun.
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